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Vorlage - VI-Ifo-04923  

 
 
Betreff: Kirchentag auf dem Weg vom 25. bis 28. Mai 2017: Zwischenbilanz
Status:öffentlich (Vorlage abgeschlossen)Vorlage-Art:Informationsvorlage
Einreicher:Dezernat Kultur
Ziele:1. nicht relevant
Beratungsfolge:
Dienstberatung des Oberbürgermeisters Beschlussfassung
FA Finanzen Information zur Kenntnis
FA Kultur Information zur Kenntnis
24.11.2017    Fachausschuss Kultur      
FA Kultur Information zur Kenntnis

Beschlussvorschlag
Sachverhalt
Finanzielle Auswirkungen
Anlage/n

Der Fachausschuss Kultur nimmt die Auswertung des „Kirchentag auf dem Weg“ Leipzig vom 25. bis 28. Mai 2017 zur Kenntnis.

 


 

Kirchentag auf dem Weg vom 25. bis 28. Mai 2017:

Zwischenbilanz

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1. Sachstand

 

2. Langfristige Vorbereitung des Reformationsjahres 2017 anhand der Beschlüsse des Stadtrates

3. Kirchentag auf dem Weg, Leipzig, 25. - 28. Mai 2017
3.1.„Leipziger Stadtklang: Musik. Disput. Leben.“: Anspruch,
Erwartung und Realität
3.2.Reaktion der Fördermittelgeber
3.3. Veranstaltungen
3.4. Rückflüsse / Wertschöpfung
3.5. Ursachen der Fehleinschätzung

4. Sommer der Reformation in Leipzig
4.1. Programmatische Höhepunkte
4.2. Generalversammlung der Weltgemeinschaft reformierter Kirchen
4.3. Auftritt in Wittenberg
4.4. Touristische Auswertung - Gästerekord im Juni


5. Fazit


1. Sachstand

Ziel der Vorlage ist es, dem Fachausschuss Kultur auf der Basis des vorliegenden Materials einen Sachstandsbericht zur Auswertung des Kirchentages auf dem Weg Leipzig 25. bis 28. Mai 2017 zu liefern. Die Veranstalter sind laut Zuwendungsbescheid verpflichtet, bis zum 31. März 2018 alle Unterlagen für einen verbindlichen Verwendungsnachweis vorzulegen. Der fristgemäß vorgelegte erste Zwischenbericht mit Sachanalyse kann daher nicht abschließend sein, sondern trägt vorläufigen Charakter. Er erlaubt jedoch einige Kernaussagen bezüglich der Verwendung der Fördermittel bzw. zu den Mittelrückflüssen in die Stadt über direkte Rückflüsse bzw. Kosten für die Leistungen städtischer, stadtnaher oder in der Kommune angesiedelter Unternehmen.
Eine Gesamtauswertungsvorlage folgt im II. Quartal 2018.
Thematisiert wird darüber hinaus die Einordung des Ereignisses  in die Leipziger Aktivitäten zum 500. Jahrestag des Thesenanschlags sowie die Ursachen für die unbefriedigenden Gästezahlen und die Reflektion dieser Ergebnisse in der öffentlichen Debatte.


2. Langfristige Vorbereitung des Reformationsjahres 2017 anhand der Beschlüsse des Stadtrates

Grundlage der Planungen im Reformationsjahres war eine Reihe von Beschlüssen des Stadtrates:

Leipziger Jubiläen des Jahres 2016 (u.a.  500. Jahrestag der Reformation)
     VI-DS-01028-NF-004, 08.07.2015

Kirchentag auf dem Weg vom 25. bis 28. Mai 2017   VI-DS-01881, 16.12.2015

500. Jahrestag des Beginns der Reformation         VI-DS-02735, 26.08.2016

Weitere Jubiläumsmittel im Jahr 2017        VI-DS-04033, 23.08.2017


r die Stadt Leipzig ist der 500. Jahrestag des Thesenanschlags in Wittenberg Höhepunkt einer langen Vorbereitungsphase, die sich in der durch die Evangelische Kirche in Deutschland ausgerufenen „Reformationsdekade“ einordnet. Im Jahr 2012 stand Leipzig mit dem 800. Geburtstag der „Thomana“ im Mittelpunkt des Themenjahres „Musik“ dieser Dekade.
Die Stadt unterstützte die Etablierung eines 550 km langen Lutherweges in Sachsen (Eröffnung 27.Mai 2015) und wurde selbst Teil davon. Gemeinsam mit der Universität und der Thomas-Kirchgemeinde wird seit 2009 und mit Blick auf das Jubiläum der „Leipziger Disputation“ 2019 jährlich eine Disputation zu aktuellen Themen veranstaltet. Die Stadt erhielt den Titel „Reformationsstadt Europas“. Seit 2016 wirkt Reverend Robert Moore aus Houston (USA) auf Beschluss des Stadtrates als Leipziger Botschafter der Reformation in seinem Heimatland.
In Vorbereitung der Aktivitäten im Reformationsjahr 2017 beschloss der Stadtrat seit 2015 eine Reihe von Maßnahmen. Als Start in den „Sommer der Reformation“ in Leipzig beschloss der Stadtrat in seiner Sitzung am 16.12.2015, den Durchführungsverein des Kirchentages auf dem Weg Leipzig auf dessen Antrag hin mit Mitteln i.H.v. 950.000 Euro zu unterstützen (VI-DS-01881).
 

3. Kirchentag auf dem Weg, Leipzig, 25. - 28.05.2017

3.1.„Leipziger Stadtklang: Musik. Disput. Leben.“:
Anspruch, Erwartung und Realität

Der planerische Ausgangspunkt der Kirchentage auf dem Weg war der Großgottesdienst in Wittenberg bei gleichzeitiger Vergabe des regulären Kirchentags nach Berlin. Für den Großgottesdienst wurde aus logistischen Gründen eine organisierte Anreise aus allen Richtungen (darunter auch Berlin) geplant. Die Reisenden zum Festgottesdienst sollen sich in bestimmten Zentren Mitteldeutschlands sammeln und sich mit einer Vielzahl von Aktivitäten und Veranstaltungen gemeinsam auf das Großereignis einstimmen. Das Konzept erschien einleuchtend, doch es war neu und bis dato nicht erprobt. Im Unterschied zu den eingeführten Kirchentagen, von denen sich die Kirchentage auf dem Weg deutlich unterscheiden wollten, gab es keine Erfahrungen. Die gebündelte Kraft der EKD, die Erfahrenheit der Umsetzer und die dezidiert erklärte vorbehaltlose Unterstützung durch die sächsische Landeskirche für den Kirchentag in Leipzig schienen jedoch Garanten für eine erfolgreiche Umsetzung.

Der Leipziger Kirchentag auf dem Weg unter dem Motto: „Leipziger Stadtklang: Musik. Disput. Leben.“ wurde mit folgenden Finanzierungs-Eckgrößen geplant:

Gesamtetat:5.360.000 Euro
davon
Kommune:   950.000 Euro
Freistaat:2.250.000 Euro
Evangelische Landeskirche:   630.000 Euro
Karten, Merchandise:1.500.000 Euro
Torgau:     30.000 Euro[1]

 

Erwartet wurden in Leipzig insgesamt 50.000 Gäste, von denen ca. 35.000 Dauerteilnehmende sein sollten (hier sind die 10- bis 15.000 Mitwirkenden enthalten, die üblicherweise eingerechnet werden).

Tatsächlich wies der Veranstalter nach Ende des Kirchentags 15.000 Mitwirkende und Teilnehmer aus. Im Auswertungsgespräch bei Oberbürgermeister Burkhard Jung am 29. August 2017 korrigierte Hartwig Bodmann, Geschäftsführer des Reformationsjubiläum 2017 e.V., diese Zahl noch einmal mal nach unten auf 12.000 Gäste (Tageskarten wurden kaum verkauft). Davon sind etwa die Hälfte Mitwirkende gewesen.

Diese enttäuschenden Besucherzahlen waren auch bei anderen Kirchentagen auf dem Weg zu verzeichnen. Auch die Veranstaltungen in Halle/Eisleben, Erfurt und Jena/Weimar erreichten nicht einmal 30% der erhofften Besucherzahlen, in Magdeburg waren es nur 20%. Lediglich in Dessau/Rosslau hatte wenigstens die Hälfte der prognostizierten Besucher – hier war aber von vorherein nur mit 5000 Gästen gerechnet worden.
Die Relationen der einzelnen Städte untereinander blieb so, wie ursprünglich veranschlagt: Leipzig hatte so viele Teilnehmende wie die anderen Städte zusammen - nur auf sehr viel niedrigerem Niveau.

Innerhalb der Kirchentagsleitung waren die Veranstaltung zunächst unkritisch reflektiert worden. Relativ rasch wurden jedoch in der Öffentlichkeit  und schließlich auch innerhalb der evangelischen Kirche selbst zunehmend Stimmen laut, die die Diskrepanz zwischen Anspruch und Realität der Kirchentage auf dem Weg thematisierten.


3.2.Reaktion der Fördermittelgeber

Den Fördermittelgebern des Kirchentag auf dem Weg (Freistaat Sachsen: Sächsisches Staatsministerium für Kultus, Stadt Leipzig: Dezernat Kultur) wurden erst spät (im April) und auf energische Nachfrage die unbefriedigenden Vorverkäufe angezeigt. Es kam daraufhin am 3. und 8. Mai zu zwei Terminen im Sächsischen Staatsministerium für Kultus. Beteiligt waren Vertreterinnen und Vertreter des Staatsministeriums für Kultus (u.a. der Leiter der Zentralstelle des SMK), der Stadt Leipzig (Referent für Großveranstaltungen), der Sächsischen Landeskirche sowie des Durchführungsvereins für die Kirchentage auf dem Weg. Am 8. Mai präsentierte Hartwig Bodmann in diesem Kreis eine Analyse der Situation.

Es wurde erläutert, dass die Teilnehmerzahlen voraussichtlich wesentlich unter den Erwartungen liegen würden. Die bisherige Annahme von ca. 35.000 Dauerteilnehmenden und 15.000 Tagesgästen wurde auf 24.500 Teilnehmende mit Dauerkarten reduziert, die angenommene Zahl der Tagesgäste blieb unverändert bei 15.000. Anhand eines aktualisierter Kosten-und Finanzierungsplan wurde dargestellt, wie das voraussichtliche Defizit i.H.v. 670.000,00 € ausgeglichen werden sollte. Verschiedene Einsparmöglichkeiten wurden erläutert. Herr Bodmann versicherte, dass die Veranstaltungen wie geplant durchgeführt werden könnten, wenn durch die Fördermittelgeber die noch ausstehenden Tranchen zur Auszahlung kämen.

Es bestand Konsens, dass eventuell noch verbleibende Defizite durch den Reformationsjubiläum 2017 e.V. getragen werden müssten, keinesfalls jedoch durch die öffentlichen Zuschussgeber.

Die Fördermittelgeber erklärten den vorliegenden aktualisierten Kosten- und Finanzierungsplan vom 8. Mai 2017 zum Bestandteil des Bescheides, womit die formelle Grundlage für die Auszahlung der restlichen Zuwendung gegeben war.
Die Alternative wäre eine Absage der Veranstaltung gewesen.

Der Gesamtbesuch lag dann noch einmal erheblich unter den am 8. Mai prognostizierten Zahlen. Bei der Auswertungsveranstaltung beim Oberbürgermeister unterstrich Hartwig Bodmann jedoch erneut, dass der durchführende e.V. alle Rechnungen ohne weitere Forderungen an die öffentliche Hand begleichen werde. Das Defizit werde innerhalb der Evangelischen Kirche Deutschlands aufgefangen.
 

3.3. Veranstaltungen

Bei aller berechtigten Kritik an der Gesamtkonzeption und den ernüchternden Besucherzahlen muss festgehalten werden, dass der Kirchentag auf dem Weg in Leipzig mit einem hochwertigem Programm mit Schwerpunkt auf Kultur und Begegnung aufwartete, zu dessen Realisierung ein erheblicher Teil des Budgets eingesetzt wurde.
Es wurden insgesamt 551 Veranstaltungen mit mehreren Tausend Mitwirkenden geplant und durchgeführt, von Kneipengesprächen bis zur Großperformance, von der Kaffeetafel bis zur Aufführung komplexer Werke Neuer Musik. Von den Aufträgen zu Kultur-Produktionen profitierten überwiegend Leipziger Künstlerinnen und Künstler aus der Freien Szene. Allein für Kulturprojekte, deren direkte Finanzierung letztlich wie zusätzliche Fördermittel wirkten, standen ca. 550.000 Euro bereit.
Die Organisation verlief reibungslos und pannenfrei, die kommunalen Auflagen, insbesondere zur Sicherheit, wurden in jedem Teil erfüllt.

Einige Eckdaten:

* Performance „Zum Licht“ Markt: 6.000 Gäste (an zwei Tagen), 250 Mitwirkende
* 225 Meter lange Kaffeetafel, Grimmaische Straße: 3.000 Teilnehmende
* Bläserkonzert Augustusplatz: 4.000 Teilnehmende und Gäste
* Familienzentrum Grassi: 60 Veranstaltungen
* 29 Bibelarbeiten
* 80 Konzerte
* 21 Theaterinszenierungen
* 35 Kneipengespräche


Zu den wichtigsten künstlerischen Höhepunkten gehörten:

* „Nacht der Lutherlieder“, Mitsingkonzert, Nikolaikirche
* „Die Reformation im Spiegel des Großen Konzertsaales“ (u.a. mit Uraufführung
  eines Werkes von Steffen Schleiermacher), Reformierte Kirche
* Te Deum, Salve Regina, Harmoniemesse, Joseph Haydn, Propsteikirche
* „Schöpfung“, Oratorium, Joseph Haydn, Peterskirche
* „Mönsch Martin“, Musical, Turnhalle Helmhotzschule
* „Katharina von Bora“ – Kammeroper für Sinfonisches Bläserensemble,
  Augustusplatz
* „Reformationskantate“, Jörg Herchet, Nikolaikirche
* „Ein feste Burg“, Kantate, Günter Neubert, Taborkirche
* „Oh Gott“, Theaterinszenierung, Konsortium Luft & Tiefe, Neues Rathaus
* „Alesius“, Theaterinszenierung, Moritzbastei
 

3.4. Rückflüsse / Wertschöpfung

Die Wertschöpfung aus den Ausgaben der Gäste fällt bedeutend geringer aus als erhofft. Doch auch bei aktuell geschätzten 12.000 Mitwirkenden bzw. Dauerkartenbesuchern summiert sich die Zahl der Übernachtungen auf ca. 36.000. Allerdings fanden diese zum großen Teil in Schulen, Privatquartieren oder sehr preiswerten Beherbergungsunternehmen statt.
In ähnlicher Höhe wie veranschlagt, flossen in die Wertschöpfungskette die Veranstalterausgaben (Rückflüsse) ein. Hier die Eckdaten:

Programmbereich Kultur – Gagen / Produktion
Performance „Zum Licht“306.000 Euro
Förderung Kulturprojekte122.000 Euro
Spezielle Ausschreibung für Projekte aus der freie Szene128.000 Euro

Stadt / Stadtnah
Nutzung Öffentliche Plätze - Entgelte 10.000 Euro
Neues Rathaus 18.000 Euro
Schulen 10.000 Euro
Stadtreinigung / Stadtwerke   6.500 Euro
LVB 80.000 Euro
Ordnungsamt / Brandsicherheitswache   3.000 Euro

Leipziger Unternehmen
Veranstaltungen: Sicherheit/Technik/Logistik: 440.000 Euro
Verkehrsregelung  14.000 Euro
Sicherheit  14.600 Euro
Catering Helferzentrale  70.000 Euro
Hotels  77.000 Euro
Büro (Miete / Reinigung / Parkplatz)  30.000 Euro
Stadthafen Leipzig GmbH  10.000 Euro
Parkbühne  13.000 Euro                                                                                   
Lohnkosten
19 MitarbeiterInnen mit 1. Wohnsitz in Leipzig900.000 Euro


Leipziger Messe GmbH
Hallen 1, 3, Restaurant Alte Waage  56.000 Euro
Kongresshalle113.000 Euro
Technik Hallen  42.000 Euro
FAIRNET Kirchentag Dienstleistungen 150.000 Euro
 

Summe        2.613.100 Euro

Die Listung der Detailausgaben wird diese erste Summe noch ansteigen lassen.
Dazu kommt voraussichtlich die in diesem Zusammenhang akquirierte Beauftragung der Messetochter FAIRNET mit der technischen Ausstattung des Großgottesdienstes sowie des Festwochenendes in Wittenberg mit einem Gesamtauftragsvolumen i.H.v.                                                                                                                              ca. 1.300.000 Euro.             

3.5. Ursachen der Fehleinschätzung

 

Nach den Veranstaltungen gab es eine große Zahl von Auswertungsrunden mit ausführlichen Fehleranalysen. Insgesamt lässt sich von einem Bündel von Ursachen für die unbefriedigenden Besucherzahlen des Kirchentages auf dem Weg ausgehen, hier die Wesentlichen:

► Die Gesamtkonzeption ging zunächst von einem zentralen Großgottesdienst in Wittenberg mit (so noch im Jahr 2015 angenommenen) mindestens 200.000 Menschen aus. Diese Annahme war die Basis von Überlegungen um die Frage der Gästeanreise und -Lenkung, es wurde das Konzept der Kirchentage auf dem Weg entwickelt.
Die Idee war die Sammlung der Besucherströme und ihre spirituelle Einstimmung auf das Großereignis. Die Zielzahlen für die einzelnen Kirchentage wurden dabei von logistischen Erfordernissen und Möglichkeiten abgeleitet. So gab es etwa für Leipzig die Aussage der Bahn, der zufolge das Unternehmen am 28. Mai ca. 35.000 Menschen vom Leipzig Hauptbahnhof nach Wittenberg und zurück befördern könne.
Diese Zielzahlen verfestigten sich offenbar schon früh im Prozess von Wünschen zu Prognosen und wurden schließlich als realistisch, weil mit den Landeskirchen abgestimmt, kommuniziert. Der Großgottesdienst, der die Planungskette ausgelöst hatte, fand schließlich vor nur wenig mehr als 100.000 Teilnehmenden statt.

► Es ist nicht gelungen, für die Idee des zentralen Gottesdienstes und der Satellitenkirchentage innerhalb der Evangelischen Kirche Deutschlands flächendeckend zu begeistern. Das Konzept beruhte auf Bündelung aller Kräfte und Interessen. Stattdessen fanden auch in anderen Evangelischen Landeskirchen aufwändige Großveranstaltungen zum Reformationsjubiläum statt, die Aufmerksamkeit und Energien banden. So waren statt der avisierten 10.000 Mitglieder von Posaunenchören aus dem ganzen Land schließlich nur knapp 4.000 nach Leipzig gekommen.

► Selbstkritik gab es auch in der Sächsischen Landeskirche. Thematisiert wurden dabei u.a. die gegenwärtigen innerkirchliche Debatten und die möglicherweise überhöhte Bewertung des Dresdner Kirchentages 2011 mit seinen hohen Besucherzahlen.

► Im Vorfeld des Großgottesdienstes in Wittenberg und auch des Ereignisses in Leipzig spielte immer wieder die aktuelle Diskussion zur Sicherheitslage bei Großveranstaltungen eine Rolle.

► Im unmittelbaren Vorfeld der Veranstaltung erwiesen sich die Zeit-Achsen bei der Verzahnung von Programmplanung und Kommunikation, die den Algorithmen herkömmlicher Kirchentage entlehnt waren, als unglücklich: Der Vorverkauf begann erst nach dem Druck des Programmheft mit 551 Veranstaltungen auf über 200 Seiten. Das bereits vorliegende Komplettprogramm bot dann keine Möglichkeiten, an der Programmstruktur zu optimieren, als sich abzeichnete, dass die Vorverkäufe immer dramatischer von den prognostizierten Größen abwichen.
In der Öffentlichkeitsarbeit wurde zu lange auf die allgemeine Kampagne zur Bewerbung des Gesamtereignisses gesetzt. Dadurch gab es kaum Kapazitäten, den interessierten Leipzigern und Leipzigerinnen ohne religiöse Bindung einzelne Höhepunktveranstaltungen nahe zu bringen. Beim vorherrschenden besten Wetter hätten gerade die Open-Air-Veranstaltungen (obwohl schon die am besten besuchten) deutlich mehr Menschen erreichen können.

► Generell ist es den kirchlichen Organisatoren nicht gelungen, im vorwiegend säkularen Osten das Ereignis „500 Jahre Reformation“ in der Breite der Bevölkerung als gesamtgesellschaftlich relevant zu implementieren. Für die meisten nichtreligiösen Bürger in Mitteldeutschland und auch in Leipzig blieb die Reformation ein innerkirchliches Ereignis.

► Zur Bilanz gehört auch die enttäuschende Medien-Resonanz der Kirchentage auf dem Weg: Die publizistische Strahlkraft des Obama-Auftritts in Berlin, inhaltlich nur sehr bedingt dem Kirchentag zuzuordnen, ließ alle anderen Aktionen verblassen. Dieser Auftritt (Obama war eigentlich zum Gottesdienst nach Wittenberg eingeladen worden) war auch im Vorbereitungsteam stark umstritten.


4. Sommer der Reformation in Leipzig

Bei der zweifelsfrei notwenigen kritischen Auswertung des Leipziger Kirchentags auf dem Weg darf nicht außer Acht gelassen werden, dass der Stadtrat bei der Entscheidungsfindung zum Engagement der Kommune von vorn herein eine längere Perspektive als jene drei Tage des Kirchentags in den Blick genommen hatte: Für die Stadt sollte das konfessionelle Großereignis einen eigenen „Sommer der Reformation“ einleiten. Hier bündelten sich die künstlerischen Angebote dann um kulturelle Kernmarken wie das Bachfest und fanden bei den Leipzigerinnen und Leipzigern und auch den Gästen der Stadt in der erwarteten Zahl ihr Publikum.
 

4.1. Programmatische Höhepunkte

Leipzigs Sommer der Reformation hielt eine Vielzahl von Programmen bereit, das Anfang des Jahres präsentierte Programmheft hatte immerhin 116 Seiten.
Für eine ganzjährige Präsenz des Ereignisses im städtischen Kulturleben sorgten u.a. die Museen und Galerien der Stadt. Etwa 20 Expositionen aller Formate und Genres garantierten, dass die LeipzigerInnen ihren Gästen an jedem Tag des Jahres Reformation bieten konnten.

Aus hunderten Programmen seien hier stellvertretend einige gelistet:
* Das Bachfest 2017 trug den programmatischen Titel: „Ein schön new Lied“ - Musik und Reformation“.
* Die neu der Öffentlichkeit zugänglichen Teile der Katakomben unter dem Neuen Rathaus wurden mit Dostojewskis „Der Großinquisitor“ durch die freie Leipziger Gruppe „TheaterschaFFt“ mit mehreren sehr gut besuchten Vorstellungen künstlerisch eingeweiht.
* Im Bundesverwaltungsgericht wurde „Martin Luther und die Reformation“, ein literarisch-musikalisches Programm mit dem bekannten Schauspieler Martin Brambach aufgeführt.
* In der Thomaskirche traten in einem begeistert aufgenommenen Konzert die Spitzenensembles Amarcord und calmus gemeinsam auf. Gegeben wurde u.a. die „missa et ecce terrae motus“, jenes Werk, das der Thomanerchor - so die Musikwissenschaft – höchstwahrscheinlich zum Auftakt der Leipziger Disputation 1519 aufführte.
* Die Schaubühne Lindenfels eröffnete auf dem Marktplatz ihr Woyzeck-Projekt mit
deutlich theologischem Bezug
* Ebenfalls auf dem sehr gut besuchten Marktplatz kam das transmediale Konzert „Abendmahl – Abnehmender Schrecken / Zunehmende Liebe“ des „Forums für zeitgenössische Musik Leipzig“ zur Aufführung.
* Mit einem viel beachteten Abschlusskonzert wurde nach 13 Jahren das ehrgeizige Projekt, alle Werk von Luthers Lieblingskomponisten Josquin du Prez aufzuführen, zu Ende gebracht.
* Der „Leipziger Literarische Herbst“ steht unter dem Motto „Luther – Superstar“.
* Die Initiative Leipziger Jazzmusiker erarbeitete die Konzeption zum Festival „Reformare 2.1.“
* Er wurden erstmals wichtige Schriften von Jan Hus in Deutsch veröffentlicht, die kritische Thomas-Müntzer-Gesamtausgabe zum Anschluss gebracht (beides: Evangelische Verlagsanstalt) und der „Atlas der Reformation“ (Verlag Janos Stekovics) vorgestellt.

4.2. Generalversammlung der Weltgemeinschaft Reformierter Kirchen

Die Weltgemeinschaft Reformierter Kirchen (WGRK), der bedeutendste Zusammenschluss Reformierter Kirchen weltweit, wählte für ihre alle 7 Jahre einberufene Generalversammlung vom 27. Juni bis zum 7. Juli die Stadt Leipzig als Austragungsort. Unter dem Thema „Lebendiger Gott, erneuere und verwandle uns“ beschäftigten sich etwa 1.200 Delegierte, Beobachter und Besucher aus den 255 Mitgliedskirchen der WGRK in mehr als 100 Ländern mit den Herausforderungen, die das Erbe der Reformation für die Arbeit der Kirchen heute aufwirft.
Die Unterstützung der Stadt Leipzig floss in öffentliche Kulturprojekte um die Generalversammlung. Die Stadt richtete für alle Delegierte einen Empfang im Rathaus aus. Zur offiziellen Eröffnung in der Nikolaikirche war Bundespräsident Walter Steinmeier zu Gast, der in seinem Grußwort explizit auf die Rolle Leipzigs als Gastgeberin einging: „Sie haben sich hier in Leipzig versammelt und wir haben den Gottesdienst hier in der Nikolaikirche gefeiert. Diese Kirche hat in ihrer Geschichte viele bedeutende Stunden erlebt – wir Deutschen von heute haben vor allem lebendig im Gedächtnis, was 1989 von hier ausgegangen ist. Die Friedliche Revolution wäre ohne die Friedensgebete in der Nikolaikirche und das, was sie dann auf den Straßen Leipzigs in Bewegung gesetzt haben, anders verlaufen.“
Die Generalversammlung wurde von den Teilnehmenden und Organisatoren als überaus erfolgreich eingeschätzt.


4.3. Auftritt in Wittenberg

Ein zentraler Teil der Leipziger Aktivitäten zur Kommunikation der städtischen Höhepunkte war die Leipziger Kunst- und Kulturwoche in Wittenberg. Diese wurde gemeinsam mit der LTM GmbH im Lutherhaus, an einer Stelle also, die für Luther-Touristen definitiv zum Pflichtprogramm gehört, realisiert. Es wurden künstlerische Programme geboten, die von der Stadt in diesem Kontext gefördert wurden. Die Kulturprogramme wurden sehr gut wahrgenommen und begleitet von einem reichhaltig ausgestatteten Informationsstand mit optimalen Kontaktzahlen zu interessierten Touristen, die Wittenberg im Jahr 2017 so zahlreich wie noch nie besuchten.

 

4.4. Touristische Auswertung – Gästerekord im Juni

Auch wenn der Kirchentag auf dem Weg nicht die erhofften Besucherzahlen erzielen konnte, so war er doch eine Einstimmung auf den Sommer der Reformation in Leipzig. Dieser konnte mit einer Reihe attraktiver Veranstaltungen Einiges zu den positiven touristischen Zahlen der Stadt beitragen:

Im September des Jahres 2017 meldete die „Leipzig Tourismus und Marketing GmbH“ einen Gästerekord mit 1,45 Millionen Übernachtungen im 1. Halbjahr 2017. Hier der Wortlaut der Meldung in Ausschnitten:

„Leipzigs Tourismus ist weiterhin auf der Erfolgsspur: Mit insgesamt 793.673 Ankünften und 1.451.632 Übernachtungen übertrifft Leipzig im 1. Halbjahr 2017 die Rekordmonate des ersten Halbjahres 2016 deutlich. Nach kontinuierlichen Zuwächsen konnte sich Leipzig gegenüber dem 1. Halbjahr 2016 um 6,4 Prozent bei den Ankünften sowie 4,4 Prozent bei den Übernachtungen steigern. Im Monat Juni 2017 verzeichnete Leipzig sogar 310.356 Übernachtungen. Dies ist bemerkenswert, da es das erste Mal ist, dass Leipzig in einem Monat über 300.000 Übernachtungen erzielte.

Volker Bremer, Geschäftsführer der Leipzig Tourismus und Marketing (LTM) GmbH, freut sich über das Wachstum: „Mit einem Gästezuwachs in dieser Höhe wurden unsere Erwartungen deutlich übertroffen. Wenn sich die positive Entwicklung auch im zweiten Halbjahr fortsetzt, wird Ende Dezember 2017 erstmals die Schallmauer von drei Millionen Übernachtungen fallen."

Natürlich und nicht zu Unrecht wird beim erfreulichen Anwachsen der Übernachtungszahlen in den letzten Monaten in der Stadt i.d.R. zunächst auf die erste Bundesliga-Saison von RB Leipzig verwiesen. Doch gerade im Hinblick auf die beeindruckenden Zahlen des Monats Juni sei angemerkt, dass der letzte Saisonspieltag der Bundesliga bereits am 20. Mai 2017 stattgefunden hatte – der Fußball also wenigstens an den Ergebnissen des Juni keinen Anteil gehabt haben kann. Das zahlenmäßig größte Konzertereignis des Jahres (Depeche Mode auf der Festwiese) fand ebenfalls bereits im Mai statt.
Explizite Beachtung verdient die Tatsache, dass die Zahl der ausländischen Gäste besonders stieg. Die meisten Übernachtungsgäste kamen nach der Erhebung aus den USA, Amerikaner stellten mit 23.804 Übernachtungen im ersten Halbjahr 2017 (+ 18,6%) die größte einzelne ausländische Gruppe. Im Vorfeld zum Reformationsjubiläum war immer wieder auf die Wichtigkeit der amerikanischen Zielgruppe verwiesen worden, was in der Bestellung von Reverend Robert Moore aus Houston zum Reformationsbotschafter der Stadt seinen Niederschlag fand.

 

5. Fazit

Der Kirchentag auf dem Weg vom 25. bis 28. Mai 2017 konnte den in ihn gesetzten Erwartungen nicht gerecht werden. Grund waren die unrealistischen Prognosen der Veranstalter. Die Durchführung der Veranstaltungen erfolgte reibungslos.
r das intensive kulturelle Programm zum Leipziger „Sommer der Revolution“ brachte der Kirchentag auf dem Weg trotz unbefriedigender Besucherzahlen wertvolle Impulse.
Eine detaillierte Analyse erfolgt nach Einreichung der Unterlagen für den verbindlichen Verwendungsnachweis mit einer Vorlage im II. Quartal 2018.

 


[1] Auf Beschluss des Sächsischen Landtages wurde auch die Stadt Torgau in die Aktivitäten des Kirchentages auf dem Weg einbezogen und steuerte den genannten Betrag bei.


 

 

 

 

 

 

Finanzielle Auswirkungen

 

 

nein

 

wenn ja,

Kostengünstigere Alternativen geprüft

 

nein

 

ja, Ergebnis siehe Anlage zur Begründung

Folgen bei Ablehnung

 

nein

 

ja, Erläuterung siehe Anlage zur Begründung

Handelt es sich um eine Investition (damit aktivierungspflichtig)?

 

nein

 

ja, Erläuterung siehe Anlage zur Begründung

 

 

Im Haushalt wirksam

von

bis

Höhe in EUR

wo veranschlagt

Ergebnishaushalt

Erträge

 

 

 

 

 

Aufwendungen

 

 

 

 

Finanzhaushalt

Einzahlungen

 

 

 

 

 

Auszahlungen

 

 

 

 

Entstehen Folgekosten oder Einsparungen?

 

nein

 

wenn ja,

 

Folgekosten Einsparungen wirksam

von

bis

Höhe in EUR (jährlich)

wo veranschlagt

Zu Lasten anderer OE

Ergeb. HH Erträge

 

 

 

 

 

Ergeb. HH Aufwand

 

 

 

 

Nach Durchführung der Maßnahme zu erwarten

Ergeb. HH Erträge

 

 

 

 

 

Ergeb. HH Aufwand (ohne Abschreibungen)

 

 

 

 

 

Ergeb. HH Aufwand aus jährl. Abschreibungen

 

 

 

 

 

Auswirkungen auf den Stellenplan

 

nein

 

wenn ja,

Beantragte Stellenerweiterung:

Vorgesehener Stellenabbau:

Beteiligung Personalrat

 

nein

 

ja,